BAHYA
Der Einweihungsweg einer Schamanin
Vorwort
Sie kam zu mir an einem ruhigen Spätwintertag und redete von einem
Film über Schamanen, den sie drehen wollte, und redete und redete; lauter Worte die
nichts mit ihr selbst zu tun hatten. Film über Schamanen", als könne man die tiefen
Geheimnisse und die Regeln des Weges in einem Wort oder einem Bildbericht einfangen. Ich
dachte bei mir, Du willst etwas über Schamanismus" wissen, über die alte Lehre, na
gut, das sind Dinge jenseits der Worte und der Weg fängt immer bei dir selber an und
drückte ihr die Trommel der Großen Mutter in die Hand, bespannt mit der rauhen Haut
einer Wildsau, und hoffte insgeheim, daß sie sich ein wenig gruseln würde über diese
rohe Heiligkeit.
Ganz schüchtern schlug sie eine Zeit darauf und ahnte nicht, daß dies bereits ein Gebet,
eine Bitte war. Danach fing sie an, über sich zu sprechen, sie wollte nichts dringenderes
als einen Mann, einen Farbfernseher und zwei Kinder und war völlig verzweifelt und
einsam. Ich begriff in welch kalter Hölle sie gezwungen war zu leben und sie fing an mir
unendlich leid zu tun. Völlig gefangen in einem Muster, das keinerlei wirkliche Nähe und
Wärme zuließ, schien es mir ratsam der großen Erdgöttin die Heilung zu überlassen und
sie direkt um Rat zu fragen. Also hin zu dem Höhlenheiligtum.
Auf dem Weg dorthin fing Bahya sofort an, ihre Leidensstrukturen auf mich zu projizieren.
Haarmann der Massenmörder stand in ihr auf, ein Wirbel von "Bösem Eisen", der
sich an meinen harmlosen Bildhauerwerkzeugen in ihr entzündete und den ich noch mit
einigen kleinen Gruselgeschichten schürte, um die Struktur ihres Sabotageprogramms
richtig hervorzuholen. Sie hat folgerichtig alle ihre Angstsymptome produziert und ist
tapfer mitgelaufen. Zur Höhle ist es nur eine knappe Dreiviertelstunde zu Fuß und ich
habe mich köstlich amüsiert, richtig geschwitzt hat sie. An ihren Projektionen auf mich
hat sich seitdem über ein Jahr nichts geändert, obwohl der Widersacher in ihr sich schon
in der Höhle ergeben hat. Immer wieder brachte sie mir ihre Verneinung dar und erst
später ging mir auf, welchen Sinn dieses Verhalten für mich ergab.
Im Höhlenheiligtum hatte ich den Eindruck, daß die Höhle im Rhythmus meines tiefen
Atems schwingt und Bahyas Körper ein anderes Grundmuster lernt. Ferner kamen mir klare
Anweisungen über einen rituellen Weg, der ihre Entwicklung sichert.
Den haben wir dann am nächsten Tag begangen. So haben wir da einen Ort, einen Felsen, der
die von Männern angerichteten Verletzungen im Geist der Frauen heilt, zu dem sollte sie.
Und dort erhielt sie, zu meinem Verwundern, eine Art Dornenkrone, die man als
Erkenntniskranz der Kräfte und des Leidens deuten kann. Ich sagte ihr noch, daß sie
einen neuen Namen bekommen würde von dem Berg und daß sie ihn selbst rausbekommen
müsse.
Jetzt, anderthalb Jahre später, hat sie ihn sich erworben und eine neue Etappe des
Lernens fängt für sie an. Damals war sie noch weit davon entfernt und ihr spirituelles
Bewußtsein kaum der Rede wert. Für sie war es zunächst dringend nötig einen Gefährten
zu finden, der sie wirklich wärmen und halten konnte, der sie einfach nur lieb hatte. Ich
gab ihr eine Meditation mit, die dies Problem behandelte und einige Tage später traf sie
Suja und ihre Liebe erfüllte sich.
Was sie für meinen Weg bedeutete, ging mir erst einige Wochen später auf. In jener Zeit
hatte ich meine Aufgabe, die Widersacherkräfte in ihren Wirkungen zu verstehen und zu
transformieren noch nicht erfüllt, und stieß immer wieder auf Frauen, deren
Leidensprogramm mir Einblick gewährte in den archetypischen Hintergrund des Sündenfalls,
in das spirituelle Wirken der gefallenen Engel. Diesbezüglich war mir Bahyas Geist, ihr
höheres Selbst, eine unendliche Hilfe bei der Bewältigung meiner Aufgabe, weil ich durch
ihr persönliches Sabotageprogramm einen zentralen Ansatzpunkt erfuhr und erlernte, ohne
den ich mein Ziel nicht hätte erfüllen können.
Natürlich ahnte ihre Person, ihr alltägliches Ich anfänglich so gut wie nichts davon
und ich konnte auch nicht mit ihr darüber sprechen, weil ich meinte, die Diskussion
darüber würde sie nur behindern. Als sie dann mehr über Heilkräfte und deren Leitung
lernte, versuchte sie mich bewußt persönlich zu Unterstützen, wofür ich dankbar bin.
Nun hat sie das Lernprogramm, das ihr die Fee gab, unter deren Schutz und Führung ich sie
stellte, erfüllt und sich einen Namen erworben, den ihr die heimische Erde selbst gegeben
hat: "Retterin der Seelen".
Damit hat sie ihren eigensten Schlüssel zu den anderen Wesen in und auf dieser Welt
gefunden und ist nun Mitglied in dem Reigen des Lebens mit all seinen Wundern und
Kenntnissen. Sie ist nach Hause gekommen, in die Umarmung der Erde, als ihre Tochter und
wesentlich geworden für die Gottheit. Wie alle, die diesen alten Weg gehen, bekam sie
ihren Namen weder von mir, noch von einem anderen Menschen, auch nicht durch eine
organisierte Einweihung" oder Kraftübertragung, sondern von der Gottheit direkt, in
einem individuellen Austausch mit der großen Mutter und durch ihre persönliche
Bemühung, den Impulsen der Göttin immer besser zu folgen.
Für sie war ich der stille Führer, der ihren Weg sicherte und sie geleitete, ohne viel
zu sprechen und ich freue mich für sie, daß ihr Lernen nun so sicher und eigenständig
ist, wie es nur sein kann. Geborgen unter Großmutters Rock kann sich ihr Leben in
Freiheit und Schönheit entfalten und ich bin gespannt auf die Blumen, die in ihren
Fußspuren wachsen werden.
Dezember 1993 Bernhard Kornstedt
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