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Bahya -
Einweihungsweg einer Schamanin

von Greta Hessel
greta_klein.jpg (11630 Byte)
1.Kapitel: Mein Weg

 

1. Meine Jugend

5. Irrungen und Wirrungen
2. Die Kinderpflegerin

6. Die Fotografin

3. Die Kosmetikerin 7. Die Journalistin
4. Das Model 8. Alle Wege führen zur
    Philosophie

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Meine Jugend

Mein Leben sollte eigentlich einen ganz normalen Verlauf nehmen, Ausbildung als Kinderpflegerin, als Vorbereitung, sozusagen für die Ehe, Heiraten und Kinderkriegen und im Dorf wohnen bleiben, in dem ich geboren wurde. Doch es kam alles anders. Als einzigem Mädchen in der Familie hing mir die Hausarbeit schon sehr früh zum Hals heraus. Immer beneidete ich meine Brüder, die spielen durften. Ich lernte früh, daß es vorteilhafter war, als junge auf die Welt zu kommen. In meiner Straße wohnten auch nur Jungs. Und so dachte ich zuerst, die Welt würde nur aus Männern bestehen, die nicht arbeiten müssen und Frauen, die immer nur im Haushalt aufräumen und auf quäkelnde Kinder aufpassen müssen. Meine Mutter hatte eine Menge Sorgen mit uns Gören, weil mein Vater durch seinen Beruf als Fernfahrer selten zu Hause war. So ging ich dann mit den Nachbarjungen auf Hasenjagd, denn mein Vater sagte mir: "Wenn du Salz auf den Schwanz der Hasen streust, dann kannst du sie fangen." Mein großer Bruder ärgerte mich immerzu und ich haute ihm ein Loch in den Kopf. Wir bauten uns Höhlen in der Erde, oder lebten in selbstgebauten Hütten. Meine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, über die Wiesen zu streifen, Tieren nachzujagen, oder im Winter Eishockey zu spielen. Freundinnen hatte ich kaum, sie waren alle so langweilig. Der Spaß hörte allerdings auf, als ich in die Schule mußte. Lernen war angesagt, und wer nicht gehorchte bekam Ohrfeigen. Meinen ersten Vertrauensbruch erlebte ich beim Fahrrad-fahren. Mein Bruder rannte neben mir her und hielt mich und das Fahrrad fest und ich strampelte tapfer vor mich hin. Doch irgendwann hörte ich ihn aus der Ferne rufen- "ich bin hier, du kannst schon alleine fahren", worauf ich mich ungläubig umdrehte, prompt im Graben landete und mich verletzte. Zwei Dörfer weiter wuchs Josef Beuys auf. Keiner konnte seine Kunst mit Filz und Fett verstehen, auch ich nicht. Erst viel später, als ich in den schamanischen Weg eingeweiht wurde, begriff ich, daß er seine Kunst nur durch seine schamanische Initiation ausdrücken konnte und daß er Zeit seines Lebens versucht hat, Bewußtsein in unsere Gesellschaft zu bringen.

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Die Kinderpflegerin

Zur Schule ging ich gerne, lernte gut und meine Lehrer sagten, ich solle auf das Gymnasium gehen. Doch leider war ich zu feige, so wurde ich Kinderpflegerin, weil ich ja sowieso bald heiraten sollte. Die Ausbildungszeit war akzeptabel. Die Lehrerinnen konnten mich zwar alle nicht leiden, weil ich mich schminkte, nach der aktuellsten Mode angezogen war und vor allem, weil ich die meiste Zeit mit Jungs zusammenhockte. Im. Praktikum schickte man mich nach Heidelberg in ein Kinderheim, um die Kinder zu hüten. Doch an meinem ersten freien Tag, nahm ich an einer Studentendemonstration teil, wenn ich auch nicht wußte, um was es ging. Ich bekam die 68er Revolte so gerade noch am Rande mit. Begriffen hatte ich nichts, fand mich aber sehr revolutionär. Ein Grund mehr, daß meine Lehrerinnen mich nicht leiden konnten. Im Kochen hatte ich eine fünf. Handarbeiten fiel auch nicht besser aus. In der weiteren Ausbildung schickte man mich in ein anderes Kinderheim. Schon bald fand ich heraus, daß die Kinder ohne Liebe aufwuchsen und daß sie zum größten Teil von den Pflegerinnen seelisch mißhandelt wurden. So zeigte ich die Leitung beim Aufsichtsamt an. Die Aufsicht kam, doch nichts geschah. Ich kletterte abends über den Zaun, und reiste mit meiner Freundin nach Düsseldorf, wo wir uns nächtelang in der Altstadt herumtrieben, und unsere ersten psychedelischen Erfahrungen machten. Die Reisen in die anderen Welten war weitaus interessanter, als das langweilige Kinderheim. So kam es, wie es auch kommen mußte. Ich hatte einen Mofaunfall, kam nach Hause und die Kündigung kam hinterher. So kehrte ich wieder zwangsweise in mein Dorf zurück, arbeitete weiter in einem SOS-Kinderdorf und benahm mich anständig. Ein solides Leben wartete auf mich. Ein paar Freunde stellten sich zu Hause vor, aber jedesmal wenn mein Vater sie mit ins Wohnzimmer nahm, um über die Aussteuer zu sprechen, ergriffen sie die Flucht. Meist sah ich sie nie wieder.

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Die Kosmetikerin

Ich startete einen zweiten Versuch, um mich von zu Hause zu lösen. Ich wurde Kinderfotografin. Damit schuf ich mir die Möglichkeit, einen erneuten Versuch in die nächste Großstadt zu starten. Ich wollte ein selbständiges Leben führen, ohne Aufsicht und Kontrolle. Aber auch dieser Job wurde irgendwann stupide und langweilig. Eigene Kreativität konnte ich keine entwickeln und die Luft im Kaufhaus war denkbar schlecht. Immer wieder schaute ich die attraktiven Frauen auf den Plakaten an und wollte so sein wie sie. Reich, schön und begehrenswert. Schönheit und Mode faszinierten mich. So entschloß ich mich zu einer Ausbildung als Kosmetikerin. Ich lernte die Kunstgriffe der Schönheit kennen und praktizieren. Ich massierte die Gesichter der Frauen und alle schliefen unter meinen Händen ein. Man sagte mir, meine Hände wären wohltuend und beruhigend. Bei der unangenehmen Fußpflege landeten meine Augen allerdings eher bei den Werbefotos der Kosmetikfirmen, und ich haderte mit meinem Schicksal. Warum konnte ich dort nicht abgebildet sein?

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Das Model

Eines Tages, als ich gelangweilt durch die Straßen spazierte, fiel mir ein Schild auf: "Modelagentur". ich war einfach neugierig und klingelte. Die Wände waren tapeziert mit Fotos von den schönsten Frauen und Männern der Welt. Mehrere Telefone klingelten gleichzeitig. Fotografen und Models aus New York, Paris und London wurden vermittelt. Die große weite Weit, von der ich immer träumte lag direkt vor mir. Ich wurde sehr nett von der Besitzerin begrüßt und sie war nicht einmal abgeneigt mich zum Fotografen zu schicken. Ich stellte mich besonders naiv an. Ich war einfach zu schüchtern, und die Fotos waren katastrophal. Der Fotograf meinte, mein Gesicht könne man einfach nicht fotografieren. Doch die Agentur glaubte an mich und schickte mich zu einer Fotografin, die dann auch hervorragende Fotos von mir machte. Nun kam ich in eine Kartei und hatte bald meinen ersten Auftrag, ausgerechnet von einem Starfotografen, für einen großen Kaufhauskonzern. Ich hatte mir die Arbeit zwar leichter vorgestellt, aber ich bekam viel Geld. Bald konnte ich aufhören anderen Leuten die Füße zu pflegen. Der Künstlerdienst, eine Agentur vom Landesarbeitsamt schaltete sich ein und vermittelte mich von nun an auch. Ich war bald ein Profi und ausgebucht. Irgendwie schien mir das alles ganz selbstverständlich. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten bewegte ich mich bald selbstsicher in den Studios. Ich reiste nach Hamburg, in die Metropole der Mode, machte Werbung für Kaffee Hag, Weißer Riese und andere große Firmen. Doch mein Leben war sehr einsam dabei. Ich lebte ausschließlich dafür, gut auszusehen, denn das war mein Kapital. So reiste ich quer durch Deutschland, fuhr aus diesem Grunde einen roten Porsche, denn mein Zuhause war mein Auto. Wenn ich abends müde von der Arbeit kam und die Studios die Türen geschlossen hatten, ging ich mit Maske und Beruhigungstee früh schlafen, weil ich oft schon morgens um sechs Uhr wieder zu den nächsten Terminen mußte. Die Männer lagen mir zu Füßen, doch ich konnte keine Freundschaft erhalten, weil ich immerzu unterwegs war. Ich konnte keine Termine vereinbaren, denn in der Zwischenzeit war ich in Mailand, Zürich, oder sonstwo. Ich mußte für die Agentur jederzeit abrufbereit sein. Das Traumleben, von dem ich einstmals träumte, entpuppte sich bald als Scheinleben. Manchmal hatte ich drei bis vier Fototermine an einem Tag, in vier verschiedenen Städten. Oft mußte ich bis zu fünfzig verschiedene Kleider am Tag anziehen, und glücklich vor der Kamera schauspielern, obwohl es mir schlecht ging. Manchmal war ich traurig darüber, daß ich als Mensch überhaupt nicht ernst genommen wurde. Die Studios waren oft verdreckt, kalt und ungemütlich. Manchmal mußte ich stundenlang auf meinen Auftritt warten und das Leben wurde langweilig. Ich konnte das Leben nicht mehr leben, sondern das Leben lebte mich. Stylisten und Frisöre verunstalteten mich so, daß ich mich selbst nicht mehr wiedererkennen konnte. Das einzige, was zählte, war die Tatsache, daß ich viel Geld verdiente und daß ich relativ frei war. Niemand konnte mir in meine Arbeit reinreden. Ich war selbständig und frei. Das erlaubte mir, an den Tagen, an denen ich keine Termine hatte, den Müßiggang zu pflegen. Ich tat gar nichts. So nahm ich mir auch eine Wohnung in einer kleinen Provinzstadt, einem Ort, der meinen romantischen Vorstellungen entsprach.

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Irrungen und Wirrungen

Obwohl ich ein sehr turbulentes Leben führte, sehnte ich mich nach Ehemann und Familie. Ich bemühte mich, Beziehungen aufrechtzuerhalten, aber sie scheiterten, weil die meisten Männer mit meinem Beruf nicht umgehen konnten. Sie waren eifersüchtig und konnten sich nicht vorstellen, daß ich einfach nur arbeiten wollte. Manchmal nahm ich sie mit ins Studio, damit sie die Möglichkeit hatten, die Realität zu überprüfen. Die meisten Leute denken doch, daß Fotomodelle sowieso mit jedem Fotografen ins Bett gehen. Das kleine Provinzstädtchen wurde meine Heimat. Ich liebte diesen idyllischen Ort, zog in eine teure alte Villa ein und irgendwann schaffte ich es auch, mich auf eine Beziehung einzulassen. Er war Werbemanager einer großen Kosmetikfirma, fuhr Porsche und gab auch sonst alles her, was so einen guten Macho ausmacht. Ich lebte über meine Verhältnisse in meiner Traumvilla, deshalb zog er zu mir und wir teilten uns die Kosten.

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Die Fotografin

Ich wollte nicht mehr soviel herumreisen und beschloß meinen Beruf zu wechseln. Anstatt vor der Kamera zu posieren, fing ich an, selber zu fotografieren. Meine ersten Fotos wurden sofort in einem großen Verlag veröffentlicht. Ich hatte in den ganzen letzten Jahren aufgepaßt, wie die Topfotografen ihr Licht setzten. Ich wußte auch genau, in welchem Licht ich gut oder schlecht aussah. Trotzdem mußte ich mir natürlich noch einiges an Know how erlernen. So fuhr ich jeden Tag in ein ca. 30 km entferntes Studio, um mir den letzten Schliff beibringen zu lassen. Während ich Tag für Tag in einem dreckigen Studio assistierte, entwickelte sich unser Zuhause zu einer overstylten "Schöner Wohnen" Wohnung. Tom schmiß alles raus, was mir gehörte. Stattdessen kamen Designermöbel aus edlem Stahl. Mamortische und teure Ledersofas. Nicht, daß mir die Sachen nicht gefielen, ich hatte sie ja ausgesucht. Es war nur, daß meine Identität langsam aber sicher immer mehr verschwand. Die Villa, die ich gemietet hatte, weil ich mir dort ein Fotostudio einrichten wollte, wurde mehr und mehr privatisiert. Wenn Tom abends nach Hause kam und ich war noch in einer Fotosession, schmiß er die Leute kurzerhand raus. Er verbot mir jeglichen Kontakt mit Freundinnen, kontrollierte mich per Telefon. War ich außer Haus, machte er mir Vorwürfe. Oberste Sauberkeit in der Wohnung war mein Pflichtprogramm. Wenn das Badezimmer mal nicht geputzt war, gab es Vorwürfe und Ausgehverbote. Anfangs merkte ich nichts. Es schien alles so selbstverständlich. Ich bemerkte auch nicht mein schlechtes Gewissen, weil die Wohnung nicht sauber genug war. So putzte ich jedes Wochenende die Räume und er wienerte sein Auto. Er hatte überhaupt kein Interesse für Theater oder dergleichen. Meine Seele fing langsam an zu verkümmern. Er hatte sich mit mir verlobt, aber heiraten wollte er mich nicht. Ständig nörgelte er an mir herum. Entweder waren meine Fingernägel nicht sorgfältig lackiert oder ich war zu schlampig angezogen. Er erwartete von mir, daß ich zu Hause perfekt geschminkt und gestylt herumlaufen sollte, was mir große Mühe bereitete, denn durch meinen Beruf bedingt, mußte sich meine Haut erholen, und dadurch, daß ich soviel Klamotten anziehen mußte, liebte ich es, zu Hause in einem alten Jogginganzug herumzulaufen. Aber ich wollte ja endlich einen Mann haben, der mich heiratete und so paßte ich mich an, oder versuchte es zumindest. Eines Tages bemerkte ich ein ziemlich großes Muttermal an der linken Brust, d.h. es war schon immer dort, aber plötzlich beunruhigte es mich. Vielleicht dadurch, daß in den Zeitungen mehr und mehr über Hautkrebs geschrieben wurde. So ging ich zum Hautarzt und ließ diese Stelle untersuchen. Dieser war verunsichert und schickte mich in die nächste größere Klinik. Damit fing das ganze Drama an. Ich lag bald unter dem Messer, das Muttermal wurde entfernt, die Diagnose war negativ, also kein Hautkrebs. Jedoch war es eine schwierige Operation, weil es an einer sehr unglücklichen Stelle lag. Die Brustwarze mußte hochgeklappt und wieder angenäht werden. Zurück blieb eine häßliche Narbe. Nach einer Woche hielt mich nichts mehr im Krankenhaus. Ich ging auf eigene Verantwortung nach Hause. Unterwegs kaufte ich noch ein paar Flaschen Wasser ein und als ich vor der Haustüre stand, bekam ich meinen ersten Panikanfall. Todesängste erfassten mich. Was, wenn jetzt die Wunde aufgeplatzt war? Sofort fuhr ich zurück ins Krankenhaus, ließ den Verband abmachen, doch nichts war passiert. Was blieb war Angst vor einem neuen Anfall. Ich konnte mit niemandem darüber reden, weil ich diesen Zustand nicht kannte und auch nicht verstehen konnte. Ich fing nur an, die Dinge zu vermeiden, die mir Angst machten und die häuften sich. Ich konnte keinen Lichtschalter mehr bedienen, ich kam in meiner vierzigtausendmark Küche mit Mikrowellenherd nicht mehr klar. Ich entfremdete mich immer mehr von meiner Umwelt. Für Tom wurde ich immer suspekter. Anstatt mir zu helfen, schimpfte er, wurde ungehalten und vor allen Dingen ungeduldig. Er herrschte mich oft an, wenn ich in meiner Unfähigkeit festsaß. In meiner großen Not suchte ich endlich einen Arzt auf. Er sagte, er könne mir nicht helfen, gab mir aber eine Adresse von einer Psychotherapeutin mit. Ich rief sie sofort an und als ich ihr von meinen Todesängsten berichtete, sagte sie mir eiskalt ins Gesicht: "Das glaube ich ihnen, daß sie unter Todesängsten leiden, aber ich kann ihnen dabei auch nicht helfen." Damit ließ sie mich stehen. Draußen auf der Treppe brach ich heulend zusammen. Was um Himmels willen sollte ich tun, wenn mir noch nicht einmal eine Psychotherapeutin helfen konnte? An unserer Wohnung konnte ich mich nicht mehr erfreuen, ich saß nur noch verängstigt in einer Ecke, unfähig irgend etwas zu tun. Ich ging wieder zu meinem Arzt und berichtete, was die Frau mir gesagt hatte. Er gab mir eine neue Adresse, von einem bekannten Psychotherapeuten und meinte, ich solle nicht aufgeben. Diesmal hatte ich Glück. Der Psychotherapeut nahm mich ernst, aber außer daß bei mir das große Heulen ausbrach, konnte ich ihm nichts sagen. Nur, daß ich überhaupt nicht verstehen konnte, warum es mir so schlecht ging. Ich hatte alles, was ich mir erträumt hatte. Einen Mann, eine super Wohnung und eine Küche für vierzigtausend Mark. Ich heulte und heulte und bekam einen neuen Termin. Dann kam ich in eine Therapiegruppe und lernte, daß andere Leute ähnliche Probleme hatten. Wegen meiner großen Ängste bot er mir an, über Silvester an einer Intensivgruppe teilzunehmen. ich entschied mich für die Therapie, denn der Gedanke, Sylvester mit Tom auf einer langweiligen Party mit dekadenten Leuten zu verbringen, ließ mich erschaudern. Stattdessen saß ich in einer Hütte in Zermatt im tiefen Schnee und mußte mich selbst kennenlernen. Es war eine Achterbahnfahrt mit großen Auseinandersetzungen. Wir durften während dieser Zeit keinen Kontakt mit unseren Angehörigen aufnehmen. Und das war gut so, denn zum ersten Mal war ich Tom’s Kontrolle entzogen. Ich kam wieder zu mir, konnte mich selbst und meine Bedürfnisse wahrnehmen. Und als ich nach Hause kam, nahm ich Tom auch anders wahr. Ich ließ mir nichts mehr gefallen, fing an, mich ihm gegenüber durchzusetzen. Das hatte fatale Folgen. Eines Nachts, als wir aus einem sehr teuren Restaurant heimkamen, fing er an auf mich einzuschlagen. Ich war so überrascht, daß ich mich nicht wehren konnte. Immer wieder schlug er auf meinen Kopf ein. Ich lag wimmernd auf dem Boden und als er zur Toilette ging, stürzte ich im Nachthemd aus der Wohnung. Ich ging zu Freunden. Damit war dann unsere Beziehung endgültig beendet. Ich ging nie mehr zurück in diese Wohnung. Der Fakt war, ich hatte dreißigtausend Mark Schulden, durch unseren überhöhten Lebensstandart, keine Möbel mehr, keinen anständigen Beruf, kein Zuhause, keinen Mann. Und das Schlimmste: Ich mußte auch noch mein geliebtes Provinzstädtchen verlassen. Ich stand vor dem absoluten Nichts. Tom machte noch ein paar Versuche, mich zurückzuholen, aber es gab keine Chance mehr für uns. Durch eine Freundin bekam ich eine Probeanstellung als Redakteurin in einem angesehenen Zeitschriftenverlag. Ich versuchte wieder eine Wohnung zu bekommen, wurde beliebt durch meine gute Arbeit, aber meine Freundin, die ihre Stellung aufgeben wollte für mich, entschied sich plötzlich dazubleiben, intervenierte gegen mich, und ich stand wieder draußen. Meine Ängste waren wieder sehr groß, denn nun mußte ich wieder ums Überleben kämpfen und meine Therapiegruppe verlassen. Ich bewarb mich in ganz Deutschland, als Redakteurin. Es machte mir Spaß in einem Zeitschriftenverlag zu arbeiten, aber keiner wollte mich festanstellen bei meinem Lebenslauf. Doch ich bekam letztendlich eine Chance bei einem Freund, der mittlerweile eine Chefredaktion übernommen hatte und an mich und meine Arbeit glaubte. Ich zog wieder in die Großstadt, in der meine Modelkarriere begann, nahm eine Wohnung, richtete mich wieder ein und arbeitete und arbeitete. Ich war bald der Liebling des Verlages und verdient eine Unmenge an Geld. Meine Schulden hatte ich bald abgezahlt und Geld war kein Thema mehr. Meine Ängste hatten sich verdünnisiert - vorläufig. ich war wieder erfolgreich und hatte keine Zeit mehr über mich nachzudenken.

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Die Journalistin

Als die Tschernobylwolken über Europa zogen, befand ich mich in Saint Tropez. Ich wollte abschalten und Urlaub machen. Den ersten, seit ich in dieser Redaktion arbeitete. Es gelang mir nicht. Immer wieder schaute ich in den Himmel und fragte mich, was da wohl passieren würde. Das Ende war so bedrohlich nahe. In den Nachrichten hörte ich, daß die Kinder nicht mehr auf der Straße spielen sollten. Man durfte kein frisches Gemüse mehr essen, sondern nur noch das vorher verpönte Dosenfutter. Hier in Frankreich schien das Unglück keinen Menschen zu interessierten. Das Leben lief ungestört weiter und auf meinem Teller lag Salat. Die Leute legten sich in die Sonne und ich war verwirrt. Ich fing an, meine Arbeit und mich selbst in Frage zu stellen. Wen interessieren denn Überhaupt noch meine Modeproduktionen, wenn es plötzlich ums Überleben ging? Wieviel Bequerel mochte mein Körper schon aufgenommen haben? Ich packte meine Sachen und fuhr nach Hause. Spannte meine Hängematte im Wohnzimmer auf und fing an nachzudenken. Wer war ich überhaupt? Welchen Sinn hatte mein Leben und was wird aus mir, wenn ich sterbe? Fragen über Fragen durchquerten mein Gehirn. Langsam begriff ich, daß ich mit meiner Arbeitssucht am Leben vorbeiging. Ich kannte nur den Verlag. Ich identifizierte mich so stark mit dem Verlag, daß Verlag und ich eins waren. Gut, ich verdiente viel Geld, aber mit dem Geld konnte ich kaum etwas anfangen. Ich kaufte mir zwar teure Klamotten, aber es befriedigte mich nicht im geringsten. Beziehungen hatte ich kaum, wegen Zeitmangel und wenn, dann redete ich ununterbrochen über meine Arbeit.

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Alle Wege führen zur Philosophie

So beschloß ich mein Leben radikal zu ändern. Ich wollte endlich eine Antwort auf alle meine Fragen haben, die bisher nie jemand beantworten konnte. Also mußte ich mich auf die Suche nach den Antworten begeben. Ich entschied mich, Philosophie zu studieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht einmal Abitur und war schon sechsunddreißig Jahre alt. Ich half dem Schicksal nach. Weil die meisten Männer mich langweilten und ich keine Zeit hatte jemanden kennenzulernen, beschloß ich eine Heiratsanzeige aufzugeben in einer renommierten, intellektuellen Tageszeitung. Ich suchte einen intellektuellen Typ, möglichst mit Schwerpunkt Philosophie. Ich hatte die Auswahl unter cirka dreißig Zuschriften von Dichtem und Denkern, teilweise ziemlich bekannten und entschied mich für einen jugendlichen Philosophie-Professor, der in der gleichen Stadt lebte, aber in einer Norddeutschen Kleinstadt dozierte. Ich erfuhr, daß es in einem anderen Bundesland möglich war, eine 'Nichtabiturienten-Prüfung' abzulegen, mit der man aber an der Uni studieren konnte. Vorbereitungszeit: ein halbes Jahr, durch die Volkshochschule. Ich kündigte meinen gut bezahlten Job und zog mit meinem Philosophie-Professor nach Norden. ich wollte unbedingt eine Intellektuelle werden. Ich verlor mich in den Büchern. Langsam begriff ich, wie es in der Welt wirklich aussah. Meine Aufklärung begann. Ich fing an, die Geschichte zu verstehen und mich selbst. Warf alle Mode und Kosmetikartikel aus der Wohnung und wurde eine 'Ökotante'. Dann sagte ich allen den Kampf an. Ich wollte die Menschen bekehren. Setzte mich für Umweltorganisationen ein, verbündete mich mit den Linken, für mich die Einzigen, die den Durchblick besaßen. Ich wollte unbedingt mit all meinen Kräften die Welt vor dem Untergang bewahren. Leider interessierte sich mein Philosophie-Professor nicht für Philosophie, sondern für das Wandern. So wanderte ich mit ihm durch die Pyrenäen, über die Alpen und durch die Toscana. jede freie Minute waren wir zu Fuß unterwegs, durch die Wälder von Norddeutschland nach Süddeutschland. Ich bekam Blasen an den Füßen und langsam begann es mir zu dämmern, daß ich mit einem Alkoholiker zusammenlebte.

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