Während ich hier schreibe, höre ich ein Mantra, das die Göttin Saraswati invoziert. Sie ist die Göttin der Musik, des Schreibens und anderer kreativer Künste. Noch habe ich es nicht versucht, ihre Hilfe anzurufen, um häufiger zu schreiben, lebendiger zu schreiben, meinen erotischen Roman in Angriff zu nehmen, der schon seit Jahren in meinem Kopf herumspukt, genauso wie mein Tarotbuch, mein Handbuch für Körpertherapeuten! Ich weiß, sie würde helfen, aber ich müßte ein ihr gewidmetes Mantra praktizieren, dann würde die Wirkung nicht ausbleiben - das weiß ich von der Praxis anderer Mantren.
Ich frage den Leser dieser Zeilen: was hättest Du gerne anders in Deinem Leben? Wenn Du das richtige Mantra findest und es hingebungsvoll praktizierst, dann wird die Wirkung eintreten - innerhalb von mindestens drei Wochen erfährst Du ein fühlbares, unleugbares Resultat.
Was ist die Magie?Was ist ein Mantra?
Heilige Worte oder auch nur Silben, die der Praktizierende intoniert, um seinen Geist zu
konzentrieren, mit der angerufenen Gottheit eins zu werden oder deren Schutz und Hilfe zu
erlangen. Die meisten Mantren sind in Sanskrit, aber es gibt auch arabische -
grundsätzlich sind auch Mantren in anderen Sprachen denkbar.
Auch Teile der katholischen Messe wie das "Kyrieleison" können dieser Definition nach den Mantren zugeordnet werden. Das bekannteste aller Mantren, das auch in der New Age Scene häufig praktiziert wird, auch ohne den Zusammenhang von Yoga oder Tantra, ist das OM - der schöpferische Urlaut im Sanskrit.
Der tantrische Mythos über die Entstehung der Mantren lautet so: in der alten Zeit durchdrangen die Rishis (Weisen) mit ihrem Geist alle Welten, die unsichtbaren und die sichtbaren. Sie erfuhren, das die ganze Schöpfung Schwingung ist, die Schwingung der allerkleinsten Teilchen. Die materielle Welt erscheint den Sinnen als fest, weil sie relativ langsam schwingt, von den Dingen und körperlichen Wesen fortschreitend zu geistigen Einheiten wie Gedanken, die schneller schwingen, bis zur völligen Abwesenheit von Gedanken bis in die Bereiche jenseits der Form, die einen so hohen Schwingungsgrad haben, daß die Sinne sie nicht mehr fassen können, Worte sie nicht mehr ausdrücken können.
Am einfachsten zugänglich in der Welt der Sinne sind die akustischen Schwingungen, die wir hören und die, die wir beim Sprechen oder Singen erzeugen. Indem wir bestimmte Schwingungen erzeugen durch das Intonieren eines spezifischen Mantras, stellen wir eine Bezugsebene her mit dem Inhalt des Mantras, erzeugen im Gehirn bestimmte Strömungen, die auf unsere Gedanken und Taten wirken - und damit auf unser Leben. Sowohl die innere Wahrnehmung als auch Menschen und Situationen in der Außenwelt reagieren darauf.
Mein persönlicher Bezug zu den Mantren ist durch bestimmte Nöte entstanden, in denen ich Hilfe suchte- professionell und privat.
In meiner Ausbildungszeit bei Margo (Naslednikov) spielten Mantren eine sehr untergeordnete Rolle. Natürlich sangen wir immer wieder das OM - aber bei allem Respekt vor der schöpferischen Silbe kann ich nicht sagen, daß ich eine spezifische Wirkung hätte feststellen können - es ist ja auch kein Mantram mit einer besonderen Absicht, außer einer hohen, aber eben doch ganz allgemeinen
Bedeutung. Das einzige Mantram, das wir außerdem praktizierten, war das OM AHDI OM - das Mantram der Erweckung (des Eros). Auch da konnte ich nichts Besonderes feststellen. Die Praxis war auch immer relativ kurz - höchstens dreimal hintereinander.
Erst als ich mich von ihr getrennt hatte und meine eigene Arbeit entwickelte, kam ich in Kontakt mit der vitalen Bedeutung, die Mantren haben können.
Mir war aufgefallen, daß mehr Männer und Frauen als man gemeinhin annimmt, ernsthafte sexuelle Störungen haben: Orgasmusstörungen bei den Frauen, Erektionsstörungen bei den Männern. die ursachen dafür liegen fast immer in der Kindheit: eine frommkatholische, sexuell repressive Erziehung bis hinzu regelrechten Traumata wie Mißbrauch. Über die Jahre gelang es mir, effektive Techniken zu gestalten, die verdrängte Inhalte zu Bewußtsein bringen. Das Resultat war so stark, daß viele Teilnehmer während der Primärgruppe nachts nicht mehr schlafen konnten, weil sie so aufgewühlt waren. Meine Assistenten und ich wurden nachts ständig geweckt, um jemandem beizustehen, dessen ins Bewußtsein drängende Geschichte erschütternd war. Ich begann nach einer Möglichkeit zu suchen, nachts wieder durchzuschlafen, ohne daß die Teilnehmer etwas vermissen würden, weder unsere Fürsorge noch das Wissen um ihre Vergangenheit. Auch sie sollten einen intensiven Prozeß durchlaufen und nachts dennoch schlafen. Da fiel mir auf eine Reise nach London das Buch "Tools of Tantra" von Harish Johari in die Hände. Da waren ganze Kapitel über die Bedeutung der Mantren und ich entdeckte die Gayatri-Mantren - für alle möglichen Zwecke und Absichten. Da war auch eins gegen Psychose, Neurose und Ängste:
A U M
Krishna -putraya vidmahe Amritatatvaya dhi- mahi tanno chandra prachodayatWir praktizierten das Mantram 108 mal an jedem Abend der Primärgruppe. Fortan wurden wir nicht mehr so oft geweckt, dennoch verdrängten die Menschen nicht mehr, was sie eben mühsam dem Schleier des Vergessens entrissen hatten - das Mantram funktionierte als eine Art Wächter des Bewußtseins. Mir kam die Idee, eine Form zu entwickeln, in der die Menschen dabei einem Gegenüber in die Augen sahen und den Partner dafür in einem bestimmten Rhythmus wechselten. Das ist nicht so starr wie das Sitzen durch die 108 mal. Heute sind meine Seminare ohne die Mantren nicht mehr denkbar. Für jeden Abschnitt der Jahresgruppe fand ich ein entsprechendes. Mehr und mehr vertiefte ich mich in das Studium über diese Zauberformeln und konnte immer wieder ihre Kraft erleben.
In einer persönlichen krise, vor vielen Jahren, passierte etwas Kurioses. Mein Partner hatte mich verlassen, ich fühlte mich sehr traurig und auch verbittert. Ich wollte nicht, daß Haß und ein permanenter Opfertrip sich meiner bemächtigten. Also praktizierte ich das Mantram für die Liebe zwischen Mann und Frau:
jalavimvaja vidmahe nilapurushaja dhi -mahi tanno varunah prachodayat
Ich wollte mein Herz entspannen, wieder Liebe fühlen können statt dieser Verzweiflung in mir. Wie magisch angezogen, meldeten sich alle möglichen Expartner, um sich zu treffen! Leichtigkeit zog ganz langsam wieder in mein Leben ein, was das Thema Liebe betrifft, ich konnte aus dem Tal wieder auftauchen und auch begreifen, was geschehen war, unserer beider neurotische Strukturen sehen, die Alchimie unserer Beziehung. Ich konnte Abschied nehmen von Illusionen, mein Selbstwert gewann wieder an Bedeutung, ich fühlte mich stabiler. Bis heute glaube ich, an dieser Geschichte erkannt zu haben, was Verhaftung wirklich ist im Unterschied zur Bindung, was Abhängigkeit ist und was Freiheit in der Beziehung. Eine mühsame Arbeit der Unterscheidung! Das Mantram half mir dabei auf eine nicht ganz erklärliche Weise, ein subtiler Prozeß wurde in Gang gesetzt, auf mentaler und emotionaler Ebene - einfach großartig.
Heute praktizieren wir das Mantram während des erotischsten Abschnitts meines Jahrestrainings. Vor die Wahl gestellt zu einem zweiten Mantram, den für sinnliche Erfüllung und Steigerung der Potenz wählen die Menschen oft das letztere: AUM kamdevaya vidmahe pushpavanaya dhi-mahi tanno kama prachodayatIm Zusammenhang mit Methoden der Körpertherapie hilft es auch blockkierten Menschen. Mir selbst hat es junge Liebhaber beschert.
Während der letzten Jahreswende war ich in einer
tiefen Finazkrise. So wagte ich es, das Mantram für Wohlstand und Harmonie zu
praktizieren:
Es sind nicht alle Probleme gelöst, aber wieder ist etwas Merkwürdiges passiert: ich beantragte ein Policendarlehen bei meiner Lebensversicherung. Sie hat mir aus Versehen den doppelten Betrag überwiesen! Ich sagte zur Göttin Lakshmi: ich wollte doch nur volle Seminare, kein Geld, für das ich nicht arbeite!! Sie hat gezwinkert! Die Versicherung merkts vielleicht irgendwann, das ist in Ordnung. Strafbar mache ich mich nicht, wenn ich's nicht melde. Kaum zu fassen, aber wahr!
Nach all den Berichten hat der Leser dieser Zeilen bestimmt die üblichen Fragen:
Was heißt das Mantram genau übersetzt?
Die Gayatri-Mantren sind dem Mythos nach beim Werden der Schöpfung entstanden: im
Sonnenaufgang der Urwelt, als Brahma, das schöpferische Prinzip, die Wesen in ihren
Körper einströmen ließ.
Übersetzt heißt das Gayatri-Mantra, in Anrufung einer bestimmten Gottheit, über deren Mythologie man sich immer auch noch informieren kann: gib mir dir Intuition wie ich mehr Wohlstand, innere Festigkeit bei Ängsten, mehr Liebe in meinem Leben oder was auch immer - das kommt auf das spezifische mantram an. das ist das "Vidmahe".
Die zweite Zeile bedeutet "gib mir das Wissen", wie ich die wünschenswerten Eigenschaften oder Ziele erreiche - "Dhimahi"
Die dritte Zeile beginnt mit der Silbe TANNO - das ist die Silbe der Kanalisierung von Energien. Es verstärkt die Wirkung des Mantrams, dabei die Genitalmuskeln kurzfristig anzuspannen. Das hilft dabei, Energie, die normalerweise nach unten abfließt, nach oben zu lenken. Dann wird noch einmal die entsprechende Gottheit angerufen, die meistens mit mehr als einem Namen vorkommt.
Weil wir Menschen ahnen, daß letzlich alles, was wir vermögen, auch vom Segen der Götter abhängig ist, bitten wir mit "Prachodayat" um die Gnade.
Das Mantram funktioniert aber auch, wenn wir die Götter nicht kennen, die Übersetzung mangelhaft ist oder unbekannt. Habe ich selber ausprobiert. Natürlich ist es besser, wenn der Praktizierende mit den Inhalten vertraut ist.
Die Götter helfen eher, wenn wir sie kennen. Der Tantriker weiß aber auch , daß die Diskussion, ob die Götter existieren oder nicht, müßig ist. Tatsache ist, daß die Mantren funktionieren. Das ist alles, was den Tantriker interessiert- der praktische Wert. Die Götter sind Manifestationen psychischer Energien in uns - insofern muß man noch nicht einmal an sie glauben als Wesen, die auf einer Astralebene tatsächlich existieren, wenn auch nicht im manifestierten Körper wie wir Menschen.
Da ist noch die Frage der Melodie. Es gibt verschiedene Melodien, je nach Landstrich. Tibetanische Mönche intonieren auf eine für unseren westlichen Ohren sehr männliche Weise mit tiefen Stimmen und relativ monoton. die Inder intonieren sehr melodiös, wie ein richtiger Gesang, nicht wie ein Sprechgesang.
Wir finden jetzt einfach selber Melodien, die mit der Gitarre gespielt werden. Dazu setzen wir Klangschalen und Zimbeln ein - mantrische Hausmusik
Ich hörte von einem Kenner der asiatischen Religionsgeschichte, daß Buddha die Mantren abschaffen wollte. Sie gehören zum uralten Brauchtum der schamanischen Vorläufer der Indusreligonen. Wie wir wissen, schaffte er es nicht. Buddhistische Mönche sind heute weltberühmt mit ihren Mantren - die Gyoto -Mönche zum Beispiel.
Noch eins zur Einzelpraxis zu Hause: der Praktizierende braucht eine Mala mit 108 Perlen, die er zur Praxis einzeln durch die Finger gleiten läßt, durch Daumen und Mittelfinger der rechten Hand, während er die anderen Finger nach oben ausstreckt. Eine Perle sollte anders sein, sie heißt "Sumeru", sie ist die Nummer 109. Man zählt von ihr weg, dann auf sie zu.
Es gibt noch viele Einzelheiten in der Tradition, es gibt besonders geeignete Zeiten, Tage oder Monate oder Tageszeiten. Man kann sich endlos damit beschäftigen. Meine Haltung ist die, daß ich diese Einzelheiten immer mehr studiere, aber dennoch nicht erstarre in übergroßer Erfurcht vor zu vielen Einzelheiten, die in ein modernes Leben schwer zu integrieren sind.
Zuviele Details lenken vom Zentrum ab: das Mantram zu praktizieren auf vielleicht einfache, aber hingegebene Weise.
Einmal fand ich eine Seite im Internet, auf der ein Swami verkündete, Frauen dürften das Gayatri - Mantram nicht praktizieren!! Als ich diese Information fand, hatte bereits jahrelang diese Sünde gegen diese frauenfeindliche Tradition begangen und erlaubte mir, das einfach unter Kuriosa abzuhaken.
Lama Anagarika Govinda hat "Die Grundlagen tibetischer Mystik" verfaßt. Das ganze Buch ist eine Interpretation des wahrscheinlich berühmtesten aller Mantras:
OM MANI PADME HUM - Oh du Kleinod in der Lotusblüte!
Jeder Buchstabe, jede Silbe jedes Wort ist buchstäblich ein ganzer Kosmos.
Mantren sind Worte, die Welten schaffen - sie sind nicht , wie unsere westlichen Sprachen, mit der Unterscheidung beschäftigt, sondern mit der Vereinigung des Wesens mit seiner göttlichen Urnatur. Das ist Religion im Sinne von Rückbindung.
Die Welt der Matrapraxis geht im Tantra noch einher mit Yantras und Mandalas, den visuellen Werkzeugen. Es wird mit Visualisationen gearbeitet, mit gleichzeitiger Konzentration auf "Bindu", jenen Punkt, aus dem das Universum entsteht und in den hinein es verschwindet, so schnell, das wir es nicht bemerken.
Der geneigte Leser möge sich angeregt fühlen, diese faszinierende Magie der östlichen Religionen zu entdecken - sie funktioniert.
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