Die Jungfrau |
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Wir kommen nun zum ersten Zeichen, dessen Merkmale nur ungenügend mit dem herrschenden Planeten erklärt werden können. Das Zwillingezeichen entsprach sicher ganz direkt den Qualitäten, die wir dem Merkur zusprechen. Dies ist beim Jungfrauzeichen jedoch nur beschränkt der Fall, und es ist anzunehmen, dass im Laufe der Zeit ein neuer Planet entdeckt wird, der dem Jungfrauzeichen besser entspricht. Für den Moment wollen wir die Unterscheidung zwischen dem Yang-Merkur und dem Yin-Merkur machen, wobei wir dann dem Zwillingezeichen den Yang-Wert zusprechen und dem Jungfrauzeichen den Yin-Wert. Somit dürfte das Jungfrauzeichen Aehnlichkeiten mit den Eigenschaften des Merkurs in einem weiblichen Zeichen haben.
Was haben Zwillinge und Jungfrau gemeinsam, und was unterscheidet sie voneinander? Gemeinsam ist ihnen ihre Tendenz zum Analysieren, Erklären und Argumentieren. Der Verstand scheint ihnen das sicherste Instrument, um sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Als abgeleitete Qualität können wir auch die Nervosität und Geschäftigkeit bezeichnen, durch welche sich beide auszeichnen. Der Unterschied zwischen den beiden Zeichen liegt vor allem darin, dass das Zwillingezeichen extravertiert, nach aussen und auf die Zukunft orientiert ist, während das Jungfrauzeichen zur Introversion neigt, und eher auf innere Prozesse, sowie auf die Vergangenheit gerichtet ist.
Möchten wir die beiden Zeichen aufgrund unseres heutigen Wissensstandes nach Planeten charakterisieren, so könnten wir sagen, dass das Zwillingezeichen eine Aehnlichkeit hat mit einer Merkur-Uranus-Stellung, während das Jungfrauzeichen eher einer Merkur-Satum-Stellung gleicht. Diese Analogie macht den Gegensatz klar: Uranus als Planet der Zeitqualität bejaht die Ausrichtung auf die Zukunft, während Saturn lieber in der Vergangenheit lebt und versucht, die Zukunft aufzuhalten.
Jungfraugeborene haben hohe Perfektionsideale. Dies ist charakteristisch für Saturn im irdischen Bereich, indem dieser Planet ja auch die Qualität der Erde charakterisiert und von Neptun im transzendentalen Bereich (Fische als Gegenzeichen zur Jungfrau). Das Problem mit dem Ideal von Perfektion liegt in der Schwierigkeit, dieses jemals zu erreichen. Die Masstäbe können immer höher angesetzt werden, als das, was man verwirklicht hat oder verwirklichen kann. Wenn die Anforderungen an Perfektion nun nicht erreicht werden, so kommen Schuldund Unzulänglichkeitsgefühle auf. Unter solchen haben praktisch alle Jungfraugeborenen im Zusammenhang mit den Planeten in diesem Zeichen zu leiden.
Wie setzt man sich nun mit Schuldgefühlen auseinander? Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Entweder durch harte Arbeit und damit verbunden auch oft Ueberforderung, sodass 'wenig Zeit verbleibt, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, oder durch Verdrängung der schuldbeladenen Bereiche. Dies gibt zunächt zwei Ausprägungen des Jungfrauzeichens: Einerseits haben wir den arbeitsamen, gewissenhaften, pünktlichen und angepassten Jungfraubetonten, andererseits denjenigen, der aufgrund allzu absoluter Forderungen an sich selbst resigniert hat. Diese zweite Entsprechung erklärt, warum es unter diesem Zeichen auch Manifestationen unerklärbarer Schlampigkeit und Unordentlichkeit gibt. In der Praxis kommt dieser zweite Typus jedoch selten in Reinkultur vor, weil er ganz einfach nicht lebensfähig wäre, sodass bei Vorherrschen der Verdrängung meist ein Mischtypus entsteht: in gewissen Bereichen sorgfältig und peinlich genau, in andern ausschweifend und undiszipliniert.
Die hohen Perfektionsanspriiehe ziehen auch andere Charakteristiken nach sich. Wenn jemand darunter zu leiden hat, dass er nicht so vollkommen sein kann, wie er es gerne möchte, so besteht auch die Möglichkeit, sich damit zu vertrösten, dass die andern ja auch nicht perfekt sind. So besteht unter den Jungfraubetonten oft eine starke Neigung, sich mit den Schwächen ihrer Mitmenschen auseinanderzusetzen. Im negativen Fall führt dies zu einer starken Tendenz zu Kritik und Nörgelei, im positiveren Fall zum Bedürfnis, sich auf helfende Art und Weise mit den Schwächen und Problemen anderer auseinanderzusetzen. So sind Jungfraubetonte oft recht gute Therapeuten, weil sie hervorragende Fähigkeiten besitzen, um komplexe Ganzheiten, weiche nicht optimal funktionieren, in Einzelbestandteile zu zerlegen, (dazu gehören natürlich auch sogenannte psychische »Komplexe«). In einer solchen Betätigung können sie also ihr Bedürfnis Klarheit und Ordnung zu schaffen, befriedigen und haben gleichzeitig die Möglichkeit, dadurch, dass sie sich nützlich machen, ihre Schuldgefühle abzubauen. Auch ausserhalb der Psychotherapie ist eine solche Handlungsqualität für den Jungfraubetonten meist für seine Entwicklung förderlich. Dies kann im weiteren Sinn jedes Gebiet betreffen, so auch die physische Gesundheit, (z. B. Aerzte) oder das Lösen von Problemen in der Arbeitswelt (Büroorganisation und Rationalisierung).
Der Prozess, der sich dabei abspielt, entspricht einer Projektion der Probleme nach aussen. Man fühlt sich von Haus aus innerlich unzulänglich und sucht sich in der Aussenwelt Schwierigkeiten, die man lösen kann. Dadurch wächst die Fähigkeit zum Problemlösen, die nötigen Techniken und Disziplinen werden entwickelt, sodass in einem zweiten Anlauf bessere Gaben da sind, um auch die eigenen Probleme zu lösen. Das Wahrnehmen solcher Möglichkeiten erklärt in einem grossen Ausmasse den Arbeitseifer und das Bedürfnis der Jungfraubetonterl, andern zu helfen.
Wir können dieses Thema auch von einer anderen Seite her angehen. Das Jungfrauzeichen steht dem Fischezeichen gegenüber, welches vom Ego her betrachtet, die Gefahr der Auflösung im Chaotischen darstellt. Dabei tritt Angst auf. Das Bedürfnis, sich an der Materie und an Sicherheiten zu halten, nimmt überhand, das Chaotische, das Thema des Gegenzeichens ist jedoch nach wie vor da. Wenn der Betreffende sich nun in' der Aussenwelt chaotische Situationen sucht, innerhalb derer er organisatorisch und rationalisierend tätig werden kann, dann hat er gleichzeitig zwei Fliegen auf einen Schlag getroffen. Er kann in der Aussenweit das bekämpfen und gleichzeitig verändern und verbessern, was ihm Angst macht. Würde ihm diese Möglichkeit entzogen, so würde er mit dem chaotischen in seiner eigenen Psyche in Berührung kommen. Ein Beispiel für einen solchen Prozess wäre der Alkoholiker, der sich von seinem Leiden befreit und sich anschliessend auf die Therapie von Alkoholikern zu spezialisiert.
Der Jungfraubetonte wird zur grössten Reife gelangen, wenn er fähig wird, seine Arbeit als Dienst an der Sache zu verrichten, ohne auf die Früchte zu schielen, die er dabei ernten könnte. Lernt er es, seine Freude aus einer gut verrichteten Arbeit zu beziehen, dann wird sich die Anerkennung durch die Umwelt automatisch einstellen. Auch das Bedürfnis, ein helfende Tätigkeit auszuüben, fällt unter diese Gesetzmässigkeit. Probleme damit tauchen nämlich nicht im Zusammenhang mit dem Helfen auf, sondern, weil damit oft unausgesprochene Erwartungen hinsichtlich Dankbarkeit gekoppelt sind.